Hugo-Wolf-Medaille an Peter Schreier verliehen

Im gut besuchten Opernhaus vor über 700 Besuchern wurde am Sonntag, den 2. Oktober 2011 die Hugo-Wolf-Medaille der Internationalen Hugo-Wolf-Akademie an KS Prof. Peter Schreier verliehen. Mit Brigitte Fassbaender hielt eine Weggefährtin und enge Kollegin von Peter Schreier eine Laudatio auf den berühmten Bach- und Mozart-Interpreten, der vor allem auch mit seinen Liedinterpretationen von Schubert bis Wolf sein Publikum im Innersten anrühren konnte. Nicht zuletzt hierfür wurde Peter Schreier vor einem bewegten Publikum mit der Medaille geehrt.

Die Laudatio von Brigitte Fassbaender finden Sie hier:

Brigitte Fassbaenders Laudatio auf Peter Schreier hat alle Besucher der Liedmatinee am 2. Oktober 2011 tief bewegt und im Innersten gerührt - und wesentlich dazu beigetragen, dass dieser Vormittag für alle Beteiligten ein unvergessliches Erlebnis wurde. Auf vielfache Nachfrage und Wunsch veröffentlichen wir hier den Wortlaut der Laudatio und danken Frau Fassbaender herzlich, dass Sie uns das Manuskript ihrer Laudatio zur Verfügung gestellt hat:

PETER SCHREIER 
- Laudatio -
Stuttgart - 2. Oktober 201
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 Will man sich heutzutage über einen bekannten Zeitgenossen informieren, kann man sich schnellstens und umfassend im Internet bedienen: Wikipedia heißt der Wunderbronnen – und alle Daten und Fakten kommen wie von Zauberhand geronnen! Alles Wichtige und Unwichtige kann man im Handumdrehen dem wikipedischen Informationsfluss entnehmen. Am faszinierendsten finde ich immer den letzten Satz: „Diese Seite wurde zuletzt am 27. August 2011 um 23:34 Uhr geändert.“ So jedenfalls steht es in Deinem Wikipediaauszug, lieber Peter, den mein Computer mir servierte! Dieser Satz zeigt einem auf unerschütterliche Weise, wie aktuell man ist! Du bist ein mehr als bekannter Zeitgenosse: Du bist ein Berühmter! Über diesen „Berühmten“ wollte ich mich ein bisschen gründlicher informieren, weil so eine Laudatio denn doch eine gewisse Recherche erfordert. Dann hatte ich noch das große Zufallsglück neulich in Berlin, in meinem Lieblingsantiquariat ein wunderschönes Buch über Dich zu finden, und so kam eins zum andern. Das Buch ist zwar schon von 1981, aber es ist sehr rührend, all die Jugend-Fotos von Dir zu sehen und den so warmherzig verehrenden Text des Herrn Schmiedel zu lesen.

Eigentlich haben wir - von der singenden Zunft - es doch gut getroffen: Wenn man die Leiter des Erfolgs – sagen wir, über Sprossenmitte hinaufgeklettert ist, -  manche, so wie Peter Schreier, schaffen es bis zur Spitze – dann ist einem Ruhm und Nachruhm ziemlich gewiss. „Dem Mimen flicht die Nachwelt keine Kränze“– sagt Schiller. Auch da hab’ ich mich informiert, das steht im Prolog zu „Wallensteins Lager“! Und wie dieser Prolog weitergeht – wer weiß das schon? Darum hier noch ein paar von Schillers wunderbaren Worten, denn jedes trifft auf Peter Schreier zu. Also:

„Dem Mimen flicht die Nachwelt keine Kränze;
drum muss er geizen mit der Gegenwart,
den Augenblick, der sein ist, ganz erfüllen,
muss seiner Mitwelt mächtig sich versichern
und im Gefühl der Würdigsten und Besten
ein lebend Denkmal sich erbaun – So nimmt er
sich seines Namens Ewigkeit voraus.
Denn wer den Besten seiner Zeit genug
getan, der hat gelebt für alle Zeiten.


In unserer medial glänzend versorgten ruhm- und starsüchtigen Zeit wird ein außerordentliches, außergewöhnliches Lebenswerk - eine herausragende Lebensleistung absolut mit Nachruhm bedacht! Gott sei Dank muss man dafür oft gar kein Star, sondern nur ein geliebter Könner sein… Auch wenn die Lebensleistung längst vollbracht ist und man dahinter zurücktritt, in den Schatten der Vergangenheit, wollen die anderen, sprich das Publikum, das einen verehrte, ja liebte – warum sage ich das eigentlich in der Vergangenheitsform – man tut’s ja noch - meist mehr wissen und davon zehren, als man selber. Man wird – ohne es zu wollen – zur Instanz, an der sich Maßstäbe orientieren – und jetzt verlasse ich das vermeintlich so unpersönliche „man“ – und bleibe beim vertrauten, freundschaftlichen „Du“:

Du, lieber Peter, bist eine Instanz geworden, ein Maßstab, ein Vorbild, ein Wegweisender, ein Sänger, dessen künstlerischer Lebensweg vorbildlich verlaufen ist. Du hattest das Glück einer umfassend genossenen und genutzten Ausbildung von frühester Jugend an. Schon im behüteten Elternhaus warst Du von Musik umgeben. Und „tonrein“ und „schön“ konntest Du offenbar schon im Alter von zwei Jahren singen: „Peter singt: „Oh Tantebaum, oh Purzelbaum, die Treppe rauf und runter“. Damit habe ich jetzt Deinen Vater und seine Aufzeichnungen zitiert, den Lehrer und Kantor von Gauernitz bei Dresden, wo Du aufgewachsen bist. Dein Vater hat Deine musikalische Erziehung schon sehr früh in die Hand genommen und sich an Deinen Fortschritten stolz erfreut. „Oh Tantebaum“ war ein erster, schriftlich festgehaltener, großer Begabungsnachweis!

Der Dresdner Kreuzchor unter der Leitung von Kreuzkantor Rudolf Mauersberger war das erste Ziel und die erste Adresse, die Du als Achtjähriger erreichtest. Du wurdest Kreuzianer! Von da an war der Weg des Sängers Peter Schreier klar und folgerichtig vorgezeichnet; als Altsolist des berühmten Chores warst du damals schon auf internationalen Konzertreisen, und eine umfassende musikalische Ausbildung legte den soliden Grundstein für Dein späteres, überragendes Wissen um die Dinge und Dein sängerisches Können. Peter Schreier hat diese einmalige Chance der „Grundsteinlegung“ sehr wohl dankbar zu schätzen gewusst.

Zitat Schreier: „Natürlich braucht die Stimme für einen Berufssänger eine besondere Ausbildung. Aber musikalisch habe ich durch den Kreuzchor unschätzbar profitiert, stilistisch, in der Kenntnis der Musikliteratur und der historischen Epochen. Ich habe im Kreuzchor die unentbehrliche sängerische Disziplin mitbekommen, und ich habe gelernt, mich im Interesse eines Werkes unterzuordnen.“  Zitat Ende.

Diesen so klug von Dir formulierten Erfahrungen bist Du ein Leben lang treu geblieben, egal ob als Sänger oder Dirigent.

Nach dem Stimmbruch ging’s im Chor als Tenor und auch als Chorpräfekt weiter, als der der junge Mann die Aufgabe hatte, den Chor selbständig vorzubereiten und Einstudierungen vorzunehmen. Es kam auch schon zum geliebten Dirigieren, einer Passion, die Dich durch Deinen ganzen Weg als Sänger hindurch weiter begleitet hat! Und dann befolgest Du den Rat Deines Mentors und Lehrers Mauersberger und suchtest und fandest den Schwerpunkt in einer Gesangsausbildung.

Die fand in Dresden statt, bei verschiedenen Lehrern, von denen Du positiv und aufbauend profitiertest. Durch die universelle, musikalische Ausbildung, die Du unter Mauersberger genossen hattest, warst Du in allen stilistischen Sätteln gerecht, aber es kristallisierten sich doch zwei Vorlieben heraus, oder besser, zwei Gebiete, auf denen Du unschlagbar wurdest. Bach und Mozart! Du bist der Bachsänger, der Evangelist unserer Zeit geworden, und nach wie vor Maßstab für jeden Bach-Tenor, der sich an die Eroberung dieser Wunderwerke macht.

Wer Deinen Evangelisten nicht im Ohr hat, ist selber schuld.

Mir sind unsere gemeinsamen Konzerte der großen Passionen in aller Welt unvergesslich, und wenn ich wusste, Peter Schreier singt, dann überwog die Freude auf das ehrfurchtsvoll geliebte Ereignis die Skrupel vor der so schweren Anforderung, die Bach an jeden Sänger stellt. Für Dich aber bedeutete er offensichtlich den sängerischen Himmel auf Erden und für Deine Zuhörer auch.

Im Zuge dieser Gedanken über Dich und für Dich, habe ich viele meiner jungen Sänger, viele Mitarbeiter und amtierende Dirigenten spontan mit der Frage überfallen: „Woran denkt ihr, wenn ihr den Namen Peter Schreier hört?“: „Bach“ – war immer die erste Reaktion, so als seiest Du geradezu die personifizierte Wiedergeburt oder zumindest sein Zwillingsbruder. Und sehr oft kam dann noch: „Lied“ hinzu.

„Ein Tenor aber muss sein wie der rechte Zephir, wie Auroren, ein Hirte, ein Kavalier, der den Sinnen freien Lauf gibt - und alles rührt, so Tränen kömmen“-soll Mozart gesagt haben, über das Stimmfach, für das er so wunderbare Partien geschrieben hat, die Du alle in unnachahmlicher, müheloser Weise verkörpert hast, ganz so, was es meint: „Ver-körpert“. Dass Du ein perfekter Mozart-Sänger bist, versteht sich von selbst. Aber Deine Bühnenpräsenz, Deine sanguinische Körperlichkeit, Dein inneres und äußeres Strahlen, Dein Lächeln und Deine immer beteiligten, wohlwollenden aufmerksamen Augen, in denen oft und oft herzliche Verschmitztheit zu lesen war, die sind mir unvergesslich, wenn wir zusammen auf der Bühne standen und Du mein Ferrando warst, in der geliebten „Così“. In Deiner kollegialen Gegenwart fühlte man sich einfach wohl auf der Bühne. Irgendwie geborgen und getragen von Deinem souveränen Können. Und bei Proben und im privaten Gespräch war und ist es genauso.

Ich glaube, ich habe Dich nie schlecht gelaunt erlebt. Manchmal etwas weniger heiter, weil konzentriert oder nachdenklich, vielleicht auch mal müde, was bei Deinem Pensum kein Wunder war. Aber die Heiterkeit, die Ausgeglichenheit, die Selbstverständlichkeit, mit der Du jede Situation zu meistern versuchtest, ob auf oder hinter der Bühne, war erstaunlich.

Den meisten Sängern und Sängerinnen, denen ich begegnet bin, und besonders den jungen - - (und wir kannten uns ja auch schon, als wir jung waren), ist die Selbstüberschätzung eine selbstverständliche Lebens- und Berufseinstellung. Du, lieber Peter, bist da eine seltene Ausnahme. Das hattest Du gar nicht nötig, das ließ Deine angeborene Bescheidenheit und Liebenswürdigkeit gar nicht zu. Du bist ein Hochbegabter, dem das Glück des Ausschöpfens einer außergewöhnlichen Begabung geschenkt war. Du hast dieses Glück mit Klugheit, Vernunft, mit Selbsterkenntnis und unerhörter Disziplin verwaltet und bewahrt. Dazu gratuliere ich Dir genauso, wie zu der Ehrung, die Dir heute zuteil wird. Du hast Dir die „Hugo-Wolf-Medaille“ ersungen in jahrzehntelanger, intensiver Beschäftigung mit dem Lied. Dass Hugo Wolf einer der Schwerpunkte Deiner sängerischen Auseinandersetzung mit der Dir, wie alles, zufliegenden Materie „Lied“ wurde, versteht sich eigentlich von selbst, denn Hugo Wolf ist nun einmal im Verein mit Schubert, Schumann und Brahms der Liedkomponist schlechthin.

Und doch gilt es immer wieder, sein Werk zu erobern und es einem relativ zögerlichen Publikum nahezubringen. Heute mehr denn je, aber das betrifft uns mehr oder weniger nur noch am Rande, wenn wir als Gesangspädagogen gehalten sind, auch das Repertoire der neuen Sängergeneration zu vertiefen und zu erweitern. Wolf ist und bleibt offensichtlich einer der Schwierigsten, zumindest für das Publikum. Ich habe das nie verstanden, muss es aber erstaunt immer wieder zur Kenntnis nehmen.

Die Hugo-Wolf-Medaille hast Du mehr, als verdient, denn Du bist, neben allem anderen, auch einer der ganz großen Liedersänger unserer Zeit. Das Dreigestirn „Bach, Mozart, Lied“ strahlt unvergänglich hell und leuchtend über Deinem Lebensweg als dirigierender Tenor.

Wie hat Mozart gesagt? Ich habe es vorhin schon erwähnt und wiederhole das charmante geistvolle Bonmot gern: „Ein Tenor aber muss sein wie der rechte Zephir, wie Auroren, ein Hirte, ein Kavalier, der den Sinnen freien Lauf gibt – und alles rührt, so Tränen kömmen“.

Ja, das ist es: „Und alles rührt, so Tränen kommen“…

Du Peter, bist einer der ganz wenigen Sänger, die mich in meinem Leben zutiefst zu Tränen gerührt haben. Ich weiß nicht, ob Du Dich erinnerst, warum solltest Du. Aber ich weiß es noch ganz genau und trage es unverlierbar in mir. Das war bei Deiner so unsagbar sensiblen und verinnerlichten „Schönen Müllerin“, irgendwann bei der Schubertiade in Feldkirch, im Großen Saal. Ich habe sie nie wieder so gehört. Und als ich hinterher zu Dir ging, um Dir zu sagen, was Du da angerichtet hattest, da konnte ich’s kaum, vor Tränen und Schluchzen. Und mir war’s nicht mal peinlich…

Und eine letzte Begebenheit, auch in Feldkirch sich ereignend, sei an den Schluss gestellt, denn Du sollst und musst ja nun endlich in den Genuss der Wolf-Medaille kommen – das will ich nicht längern verhindern!

Also, ganz kurz: Aribert Reimann hat seinerzeit den kleinen „a capella“ Liederzyklus „Eingedunkelt“,  nach Texten von Celan, für mich geschrieben, den ich in Feldkirch bei der Schubertiade uraufführen sollte. Die Schubertiade war und ist das Mekka für uns Liedersänger, und ich war dementsprechend nervös, vor allem, weil ich das, was ich da an Tönen treffen und singen sollte, so schwer fand. Irgendwie kam es dazu, dass ich Dir die Noten zeigte und mein Leid klagte. Und was geschah? Du nahmst das erste Lied, schautest kurz drauf, und dann sangst Du es ganz einfach so vom Blatt, lupenrein und mühelos. Naja, ein bisschen neidvolles Zähneknirschen hab’ ich Dir damals schon zugedacht. Also, Reimann ist jedenfalls viel, viel, viel schwerer als Hugo Wolf…

Ich denke mit Dankbarkeit und Ehrfurcht an Alles was ich von Dir lernen und hören und erleben durfte. Sei umarmt mit Gratulation!

Ich danke Ihnen.